B.B. UND... Team im Nagaland

Myanmar Interview mit Detlev Neufert, Regisseur von B.B. und die Schule am Fluß

Ungefähre Lesezeit: ca. 8 Minuten

Auf unserer Infoseite über Spiel- und Kinofilme die in Myanmar spielen, haben wir letztens einen weiteren herausragenden Film hinzugefügt: B.B. und die Schule am Fluß. Der Münchener Regisseur Detlev Neufert war so nett und hat uns den Film als DVD zur Verfügung gestellt und war sofort bereit uns Rede und Antwort zu stehen.

BB und die Schule am Fluß
BB und die Schule am Fluß

Lieber Herr Neufert, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Interview. In diesen Tagen blickt die Welt einmal wieder auf Myanmar, leider im negativen Sinne. Die Militärjunta hat die Regierung gestürzt und die Staatsrätin festgenommen. Angesichts der Entwicklung der letzten Jahre in Myanmar ist das ein Schlag gegen die Demokratie. Wie erleben Sie aktuell die Entwicklungen in Myanmar?

Detlev Neufert (D.F.): Wie jeder, der das Land und seine liebenswerten Bewohner ins Herz geschlossen hat, mit sehr großer Sorge. Man hat ja einen ganz anderen Zugang zu den Menschen in Krisengebieten, wenn man dort selber gelebt und seine Freunde hat. Ich stehe in täglichem Kontakt mit meinem Team und bin immer froh, wenn ich ihre Stimmen höre. Mein Zorn gegen die Militärjunta steigt mit jedem Tag.

Als Myanmarexperte: Glauben Sie an eine friedliche politische Lösung? Wie kann sich die aktuelle Situation wieder entspannen?

D.F.: Statt glauben würde ich lieber hoffen sagen. Ich hoffe auf eine politische Lösung. Wie jeder vernünftige Zeitgenosse. Die Burmesen sind sehr geduldig und auf Harmonie bedacht. Aber sie sind auch sehr freiheitsliebend. Und sie sind mit großer  Begeisterung durch die sozialen Medien mit der Welt verbunden. Ihnen diese Kommunikationsplattformen wegzunehmen, wie es gerade häufig geschieht überlebt keine Regierung auf lange Zeit. Auch die Generäle nicht. Außerdem kennt die Jugend inzwischen die Tricks, den Abschaltungen auf anderen Kanälen zu entkommen. Jeder in Burma weiß, dass die Militärs ihre Pfründe schützen wollen und dass ihnen Recht und Gesetz nur wichtig sind, wenn diese zur eigenen Agenda gehören. Sie haben Angst, dass sie für ihre ’schmutzigen‘ Geschäfte eines Tages vor Gericht gestellt werden. Dass Aung San Suu Kyi ihre Anhänger zu friedlichem Widerstand aufruft, ist ihr hoch anzurechnen. Ihre Bild in westlichen Medien bedarf dringendst einer Änderung. Sie auf die hochkomplexe Lage der Rohingyas zu reduzieren, wie es ungeprüft und aus der sicheren Ferne hochgradig moralisierend unsere Medien vermitteln, hat mich immer schon irritiert. Sie ist die einzige, der es gelingen wird, die Lage zu entspannen. Es sei denn, sie wird vorher umgebracht.

Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu B.B.? Wie geht es ihm und welchen Weg geht er momentan? 

D.F.: Vor ein paar Tagen haben wir uns noch über facebook angestrahlt. Wir müssen immer lachen, wenn wir uns sehen. So ein Film setzt ja ganz andere ‚innere‘ Stimmen frei und die sind bei uns beiden ganz sicher vorhanden. Ich bin ihm für seine aufrechte und hinreißende Art im Film wie im Leben dankbar. Zur Zeit sind viele Schüler seines Internats ‚Ferdi Home‘ wegen Corona auf Dörfer verteilt, wo sie Alten, Kranken und Armen zur Seite stehen und die täglich notwendigen Dienste versehen, die diese wegen Corona nicht mehr leisten können. Dies übrigens noch eine Aktion der Regierung von Aung San Suu Kyi, der die jungen Burmesen gerne folgen. B.B. ist auch dabei. Zudem hofft er, dass er dieses Jahr sein Abitur machen kann.

Detlev Neufert bei der Arbeit mit B.B.
Detlev Neufert bei der Arbeit mit B.B.

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu B.B. beschreiben?

D.F.: B.B. sehen und ihn lieben. Das geht allen Zuschauern unseres Films so. Ob jung oder alt.

Durch Corona kommen keine Touristen mehr ins Land. Auch Spenden werden jetzt sicherlich eher kläglich ins Land fließen. Wie geht es der Schule am Fluss? Erhält diese Unterstützung aus Deutschland oder dem Ausland?

D.F.: Ein Teil der Einnahmen unseres Filmverkaufs geht nach Myanmar. Konkret sind das 5€ von jeder verkauften DVD und dem Herunterladen auf Vimeo. Diese gehen an das Kinderheim von Father Robert, das B.B. und sein Nagafreund Noung im Film als Praktikanten besuchen. Die haben das mehr als nötig. Thet, unser Übersetzer, bringt es persönlich bei ihm vorbei. Die Schule am Fluss wird ebenfalls durch unsere Sponsoren am Leben gehalten und mein Team bekommt einen Anteil der Verkaufseinnahmen.

Sie waren für ihren Film B.B. und die Schule am Fluss von 2016 bis 2019 für Dreharbeiten im Land. Wie schwer war es, Genehmigungen zu erhalten und wie war die Zusammenarbeit mit der Regierung? Wie erlebten Sie das Filmteam, welches ja ausschließlich aus Burmesen bestanden hat?

D.F.: Zu den Genehmigungen bedarf es eines längeren Exkurses. Den will ich ihnen ersparen. Dank unseres – Sie sagen es- ausschließlich professionellen burmesischen Teams konnten wir alle Klippen mit asiatischem Lächeln umrunden. Manchmal gab es schon diffizile Situationen, aber ich habe auf der ganzen Welt Filme gemacht und mit meinem Motto ‚Better to ask for forgiveness then for permission‘ bin ich immer ganz gut gefahren. Zudem habe ich ein gutes Gottvertrauen. 😉 Das Filmteam? Einen Film wie den über B.B. und seine Freunde kann man in der Qualität nur hinbekommen, wenn alle alles geben. Das gilt übrigens auch für das deutsche Team in der Postproduktion. Das hat sehr viel mit Vertrauen zu tun, mit handwerklichem Können, der Gabe auch an schwierigen Drehtagen zu improvisieren – siehe Foto –  und der Freiheit im Herzen und im Kopf für das ganze Projekt. Auch wenn es komisch klingt, aber ich war jeden Tag von morgens bis abends mit meinem burmesischen Team glücklich.

Das Filmteam mit dem Regisseur
Das Filmteam mit dem Regisseur

Erzählen Sie uns doch, wie hat sich das Land seit ihrem allerersten Besuch verändert?

D.F.: Noch nicht so dramatisch wie in Thailand, das ich als Vergleich heranziehen kann. Klar, die Bauten, die an die Wolken kratzen, sind im Vormarsch. Die Kommunikationsmittel sind inzwischen überall und in guter Qualität vorhanden. Die Hotelsituation ist sauber, entspannt und preiswert. Der Euro ist als Zahlungsmittel in den Großstädten akzeptiert. Da muss der Schein aber wie beim Dollar immer noch schön gebügelt sein. Ich kann mit meiner Kreditkarte mühelos Geld am Bankautomaten abheben. Auch das dank der klugen Wirtschaftspolitik von Aung San Suu Kyi und der NLD. Tja, die Autos werden immer neuer. Ich liebe ja die alten brummigen Überlandbusse, die einen das Reisen noch als Eroberung jeden Kilometers erfahren lassen. Nicht verändert hat sich mein zufriedener Seufzer, wenn ich dort unterwegs bin: ‚Was für ein entspanntes Land, das einem die Seele öffnet.‘

Fahrer Peter Saing und B.B. in einer Drehpause
Fahrer Peter Saing und B.B. in einer Drehpause

Wenn ich morgens auf meiner Yangoner Lieblingsstrasse der 32nd street, das ist die Strasse der Drucker und Schreiber, auf dem kleinen roten Plastikhocker mein lecker gewürztes Frühstück aus Reis und Huhn vom Strassenrestaurant geniesse und Peter, unseren Fahrer, treffe, wir den ersten Tee, der kostenlos auf dem Tisch steht, trinken, dann einen Instant Kaffe aus der Tüte bestellen, unsere Zeitung lesen – meist die Myanmar Times – und dann zwischen den Papierauslieferern mit ihren Handkarren und den hupenden Autos das Team langsam anrückt und wir völlig entspannt, ohne jeden nervösen Stress oder unkreativen Leistungsdruck, den Drehtag beginnen und der Humor meines Teams, vor allem auch der von B.B.,  alle zum Lachen bringt und ich kein Wort verstehe und trotzdem mitlache und die Passanten mich mit einem herzigen Lächeln grüßen, obwohl sie mich gar nicht kennen,  dann ist es immer noch wie beim ersten Mal als ich Burma besuchte: Land und Menschen machen lebensfroh. Da hat sich nichts verändert.

Leben in Yangon
Leben in Yangon

Wann denken Sie, wird der Film ins Fernsehen oder ins Kino kommen? 

D.F.: Leider sind die meisten deutschen Fernsehsender von einer Unbeweglichkeit und – ich sag’s mal sarkastisch – einem Altersstarrsinn befallen, der so einen Film wie ‚B.B. und die Schule am Fluss‘ gar nicht richtig einzuschätzen vermag. Dass er in allen Previews die Zuschauer begeistert hat, interessiert nicht, dass er internationale Filmpreise gewonnen hat, egal, dass er einen subtilen Blick auf eine neue Generation in einem wunderschönen Land richtet, zu abseitig. Die Absageargumente sind – bis auf wenige, ganz wenige Ausnahmen – dieselben: „kein Geld“, „kein Sendeplatz“, „passt nicht ins Konzept“. Dennoch baggern wir die Sender weiter an und vielleicht interessiert sich in diesen Zeiten doch noch eine Redaktion für die neue Generation in Myanmar. Muss wohl immer erst zu einer Katastrophe kommen, bevor RedakteurInnen wach werden.

Der Kinostart wurde wegen Corona dreimal verschoben. Jetzt kommt der Film im Mai 2021 ins Kino. Denke, diesmal klappt’s. Zudem gibt’s ihn auch schon als DVD und VoD. Aber im Kino wirken die Landschaften natürlich wie von einem großen Künstler gemalt.

Spende für Father Robert
Spende für Father Robert

Was sind ihre nächsten Pläne?  Wird es einen weiteren Film in Myanmar geben? Werden Sie B.B. wieder besuchen?

D.F.: Sobald wie möglich. Wir haben einen weiteren Film mit B.B. und Welcome als Hauptdarsteller in der Planung. Ich schreibe gerade daran. Diesmal wird es ein Spielfilm, der in Form einer Dokumentation gedreht wird. Und ganz klar: never change a winning team. Wir alle freuen uns schon aufeinander, sind gut eingespielt und hoch motiviert. Ja, auch das begeistert mich an unserem burmesischen Team: jeder ist hochmotiviert. Ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen… z.B. dass ein Teil unseres Teams 28 Stunden in einem engen, überbesetzten  Van von Yangon nach Homalin im Nagaland fahren mussten. Ich war sehr in Sorge um ihren Schlafbedarf und wollte sie nach dem Mittagessen gleich ins Bett schicken. Der nächste Tag sollte dann zum Erholen frei sein. Und was machen sie?  Verschwinden für 2 Stunden auf ihre Zimmer und suchen mich dann, um mir zu sagen, dass wir am nächsten Tag selbstverständlich drehen können.

Arbeit mit dem Greenscreen
Arbeit mit dem Greenscreen

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wo sehen Sie Myanmar in 10 Jahren und welchen Wunsch haben Sie für das Land?

D.F.: Myanmar wird es zu einer Demokratie schaffen, weil die Bevölkerung es will. Weil die neue Generation schon gar nicht mehr anders denken und fühlen kann.  Natürlich müssen die machtpolitischen Verhältnisse das hergeben. Aber die Grundeinstellung – siehe die Wahlergebnisse 2020 – sind ein überprüfbares, sicheres Fundament, auf dem die Menschen von Myanmar stehen.  Mein Wunsch für das Land? Dass die Seele der Menschen nicht durch Konsum, digitalen Medienbeschuss und Entkoppelung ihrer traditionellen Werte vom Alltag beschädigt wird. Deswegen freue ich mich immer und bringe das auch als großes Kompliment zum Ausdruck, wenn jemand im Team den Longyi trägt. Ist bei heißem Klima das beste Kleidungsstück, das ich kenne. Merke dann auch immer, wie gut es ihnen tut, dass diese modische Form ihrer Kultur von einem Ausländer so gut bewertet wird.

Zum Schluss zwei letzte, persönliche Fragen: Was ist Ihr Lieblingsort in Myanmar und warum? Was reizt Sie an Myanmar generell?

Ein Lieblingsort in Myanmar? Verzeihen Sie, dass ich so lächele. Aber gut. Das ist das kleine verschlafene Strassenkaffe in Bagan hinter dem Markt, siehe Foto unten. Hier kommen mir immer die besten Ideen. Da treffe ich in Gedanken Rudyard Kipling und – verzeihen Sie das kleine Pathos – die goldene Wärme des Morgens und das sanfte Licht des Abends tragen mich in eine längst vergangene Welt, die voller guter Geister ist und – das gilt für ganz Myanmar – von  einer heiligen, ganz konkreten Natürlichkeit erfüllt ist, die in den Menschen steckt.

Lieblingsarbeitsplatz Cafe in Bagan
Lieblingsarbeitsplatz Cafe in Bagan

Herr Neufert, herzlichen Dank für Ihre Zeit und die interessanten Infos! Hoffen wir, dass Reisen nach Myanmar bald wieder möglich sein werden. Und natürlich, dass auch die deutschen Kinos bald wieder öffnen und mehr Menschen ihren wunderbaren Film sehen können.

Infos über den Film B.B. und die Schule am Fluß

Neu in 2021: Wer bei „B.B. und die Schule am Fluss“ einen Dokufilm mit schönen Landschaften erwartet, der wird enttäuscht. Dennoch ist der Film sehr, sehr sehenswert! Denn die Geschichte des Jungen B.B. rührt zu Tränen und regt zum Nachdenken an. Begleitet wird der Nagajunge B.B. im Alten von 13 bis 16 Jahren. Mehr lesen.

Hier den Trailer anschauen:

B.B. and the school by the river. TRAILER from Detlev F. Neufert on Vimeo.

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